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Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden.

Die Familiengeschichte des Schauspielers, aus der Perspektive des dritten von vier Söhnen.

Die zentrale Figur, um die alles kreist ist der Vater. Ein Gefängnisdirektor in Herford, der christlich geprägt ist, die jugendlichen Insassen zu Hauskonzerten zu sich in die Wohnung einlädt, bei denen er am Flügel sitzt. Der Vater ist ein Feingeist, liest der Familie am Sonntag Nachmittag Dostojewski vor und spielt ganze Theaterszenen nach, er fragt Edgar lateinische Vokabeln ab und verprügelt ihn regelmäßig.

Es sind die 1950er Jahre in Deutschland, es gilt strenges Nach-vorne-Gucken nach dem Krieg, gerade sie als Flüchtlingsfamilie müssen Disziplin zeigen. „Wir kämpfen hier täglich hart um ein Zusammenleben, in dem Fröhlichkeit und gute Laune oberstes Gebot sind. Unsere Eltern wollen beweisen, dass der Krieg und die sogenannte schlechte Zeit vorbei sind. Jetzt muß Glanz her. Auch in den Gesichtern soll es glitzern vor Optimismus.“ (S. 34)

Die Eltern sind klar antisemitisch, wenn sie bspw. über jüdische Geiger von Weltrang herziehen. Die großen Brüder, einer bei der Bundeswehr, bieten Paroli und diskutieren viel.

Auch von den Aufsehern und ihren Frauen, die er regelmäßig besucht, lernt Edgar viel über die deutsche Geschichte. „Wir denken immer, die Zeiten ändern sich. Aber das stimmt nur halb. Die Menschen bleiben dieselben.“ (S. 176) „Es ist wie mit diesem Wort ‚Zusammenbruch‘, das immer wieder fällt. Ich kriege nie raus, ob das eine Katastrophe war oder eine Erlösung. Keiner scheint es genau zu wissen. Keiner will sich entscheiden.“ (S. 161) „Immer wieder schütteln meine Eltern angeekelt den Kopf. Müssen die alles ans Licht zerren? Können die nicht mal Ruhe geben? Offensichtlich wird es eng für ihn auf der Welt. Wenn Brandt an die Macht kommt, will sich unser Vater umbringen. Lieber tot als rot. Dann kommt der Russe.“ (S. 211) „… die wurden eben gebraucht, Adenauer wollte sie auf seiner Seite. Als Wahlkampf Helfer. Die Generäle hatten Millionen Anhänger: enttäuschte ehemalige deutsche Soldaten, wie unser Vater. Wer die aus dem Knast rausholen konnte, gewann ihre Soldaten als Wähler. Offiziell ging’s um den Aufbau der Bundeswehr. Wenn Kesselring und von Manstein dabei helfen, eine Parlamentsarmee aufzubauen, werden vielleicht aus Nazisoldaten noch glühende Demokraten. Das war Adenauers Spekulation.“ (S. 252)

Ein nachhaltiges, beeindruckendes Zeitbild!

 

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Kategorie: Romane